Die Reformation an Saar und Blies


Auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Saarland lagen im Zeitalter der Reformation mehrere Fürstentümer, etwa die Grafschaft Nassau-Saarbrücken, das Herzogtum Pfalz-Zweibrücken, das Herzogtum Lothringen und das Kurfürstentum Trier. Sie alle waren Teil des Heiligen Römischen Reiches, einem Staatenbund, der von seinem gemeinsamen Oberhaupt, dem römisch-deutschen Kaiser, zusammengehalten wurde.

Das kursächsische Wittenberg war weit weg, so überrascht es nicht, dass im Jahr 1517 die Veröffentlichung von 95 Disputationsthesen des dortigen Professors Martin Luther hierzulande zunächst vor allem unter Gelehrten Aufsehen erregte. Das reformatorische Gedankengut erreichte dennoch die Territorien an Saar und Blies.

Ein geistiges Zentrum war sie nicht, die Doppelstadt Saarbrücken und St. Johann, die Residenz der Grafen von Nassau-Saarbrücken, als Zwischenstation auf mehreren Verkehrs- und Handelsrouten genoss sie aber eine wirtschaftliche Bedeutung und war Umschlagsort für Informationen und Neuigkeiten.
In Saarbrücken regierte bis 1574 Graf Johann IV., ein Offizier Kaiser Karls V. Obwohl er zögerte sich der Reformation anzuschließen, war er über die Entwicklungen informiert. Sogar Luthers Werke befanden sich in seiner Bibliothek. Gegen Ende seiner Regierungszeit fanden sich zudem immer mehr evangelische Prediger in der Grafschaft, vornehmlich aus Straßburg. Johann ordnete die Sonntagspredigt an, ließ viele Heiligenfeste fallen und bemühte sich um Reformen: Die traditionelle Messe sowie Jahrgedächtnisse und Prozessionen wurden nicht mehr abgehalten, stattdessen Predigtgottesdienste und Kinderlehre. Auf zwei Versuche des Stifts St. Arnual, die Reformation einzuführen, reagierte der Graf jedoch schroff. Erst nach seinem Tod wurde 1575 von seinen lutherischen Erben und Nachfolgern offiziell das Augsburger Bekenntnis eingeführt. Eine Kirchenordnung war bereits im August 1574 erlassen worden. Diese Ordnung wurde Grundlage des kirchlichen Lebens in Saarbrücken und Ottweiler. Die herausragendste Gestalt der Reformation an der Saar war Superintendent
Laurentius Stephani, der bei Philipp Melanchthon in Wittenberg studiert hatte und sich umgehend um die Visitation, den Aufbau des Schulwesens und die Neuordnung der Pfarreien kümmerte.

Eine Schlüsselrolle bei der Reformation von Pfalz-Zweibrücken spielte Johannes Schweblin, der 1523 Hofprediger in Zweibrücken wurde. Durch Melanchthon mit Luthers Theologie vertraut, publizierte Schwebel bereits 1522 seine Erstlingsschrift als Reformator. Er bearbeitete unter anderem Grundsätze zu einem Gottesdienst in deutscher Sprache und der Kommunion in beiderlei Gestalt, die er 1533 für eine vorläufige Kirchenordnung in zwölf Artikel zusammenfasste. Nach dem Tod des Zweibrücker Herzogs Ludwig II., der reformatorischen Stimmungen aufgeschlossen gegenüberstand, wurde nach der Regierungsübernahme seines Sohnes Wolfgang die Neuordnung des Kirchenwesens nach reformatorischen Gesichtspunkten im gesamten Fürstentum vollzogen und Johannes Schweblin zum episcopus et inspector (Bischof und Inspektor) ernannt. Am 21. Mai 1539 tagte eine Versammlung von zehn Pfarrern, die später „Synode“ genannt wurde. 1557 wurde die dann endgültige (lutherische) Zweibrücker Kirchenordnung in Kraft gesetzt. Der Übergang des Herzogtums Pfalz-Zweibrücken zur reformierten Konfession erfolgte erst 1588. Elf Jahre später wurde der Heidelberger Katechismus eingeführt.

Von oben“ kam die Reformation im südwestdeutschen Raum jedoch nur auf den ersten Blick. Sie ist vielmehr das Ergebnis eines lang andauernden Prozesses, an dem Gemeinden und Pfarrerschaft partizipierten.

von Prof. Dr. Joachim Conrad, Püttlingen


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